Metall-auf-Metall-Hüftgelenksimplantate

Spätestens seit dem Rückruf von sogenannten Metall-auf-Metall-Hüftprothesen diverser Hersteller sind zahlreiche Patienten, bei welchen solche Modelle implantiert worden sind, verunsichert. Dabei handelt es sich sowohl um sogenannte Totalendoprothesen, bei denen der gesamte Schenkelhals und der Hüftkopf durch das künstliche Gelenk ersetzt werden, als auch um sogenannte Oberflächenersatzprothesen, bei denen im Bereich des Oberschenkels lediglich die Oberfläche des Hüftkopfes durch eine Metallkappe ersetzt wird.

 

Bezüglich der Hüftpfanne unterscheiden sich die Verfahren nicht, in beiden Fällen wird auch hier die ursprüngliche natürliche Hüftpfanne durch eine meist aus Kobalt-Chrom-Nickel-Legierungen hergestellte künstliche Pfanne ersetzt.

Bei den Totalendoprothesen kommt es häufig zu einer sogenannten Metallose, d. h. in unmittelbarer Umgebung des künstlichen Gelenks kommt es nach dessen Implantation zur Ablagerung von Metallpartikeln, die ihrerseits durch Abrieb entstehen. Daraus resultiert im umliegenden Gewebe eine massive Entzündung, die dann häufig zu einer Lockerung der Implantatkomponenten führt. Die direkten Folgen sind zumeist Revisionseingriffe, bei denen das komplette Gelenk ersetzt werden muss.

 

Leider findet sich bei den Totalendoprothesen nicht nur Abrieb zwischen der künstlichen metallischen Hüftkugel und der korrespondierenden Hüftpfanne. Abrieb bildet sich häufig auch im Bereich der Konusverbindung (Steckverbindung) zwischen Kugel und künstlichem Schenkelhals, d. h. der im Oberschenkel gelegenen Implantatkomponente. Vermutlich sind deshalb die Revisionsraten bei Metall-auf-Metall-Totalendoprothesen höher als bei entsprechenden Oberflächenprothesen.

Bei Letzteren stellt sich die Situation so dar, dass Oberflächenprothesen mit großen Köpfen weniger Probleme bereiten, als solche mit kleinen Köpfen. Die Revisionsraten liegen darüber hinaus bei Frauen höher als bei Männern.

Umgekehrt verhält es sich bei Totalendoprothesen, bei denen die kleinen Hüftköpfe mit geringeren Komplikationsraten aufwarten.

 

Insgesamt gesehen ergibt sich aus den etablierten Prothesenregistern Großbritanniens, Schwedens und Australiens, dass insgesamt bei Metall-auf-Metall-Prothesen mit drei- bis vierfach höheren Revisionsraten gerechnet werden muss. Allerdings ist die Problematik sehr stark abhängig vom jeweiligen Prothesenmodell. So gibt es einerseits Produkte, die heute noch vermarktet und implantiert werden, weil  man damit ausgesprochen gute Erfahrungen - gerade bei jungen Menschen - gemacht hat, andererseits zeigten Implantate z. T. auch namhafter Hersteller so hohe Fehlerquoten, dass die entsprechenden Unternehmen weltweite Rückrufaktionen vorgenommen haben.

 

Für die betroffenen Patienten wurden weltweit Maßnahmen empfohlen, die dazu dienen sollen, das Auftreten der oben erwähnten Metalllose früh zu erkennen und daraus möglicherweise Maßnahmen wie zum Beispiel Revisionseingriffe abzuleiten. Insbesondere für Kobalt- und Chrom-Blutkonzentrationen sind mittlerweile Grenzwerte veröffentlicht, bei deren Überschreitung konkrete Maßnahmen empfohlen werden.

Natürlich stellt sich im Falle erforderlicher Revisionseingriffe sofort die Frage nach Produkthaftung und Kostenübernahme. Eine einheitliche Betrachtung entsprechender Fälle ist dabei nicht möglich. Zu unterschiedlich ist die Situation im jeweiligen individuellen Fall. Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle auch die Verantwortung des Chirurgen, der mit seiner Operationstechnik ganz wesentlich die Standzeit eines Implantates bestimmt.

 

Zur Klärung hilft in diesen Fällen immer, wenn das Explantat, also das beschädigte künstliche Gelenk nach dem Eingriff aufbewahrt und für eine Untersuchung zur Verfügung gehalten wird. Mittlerweile kann nämlich recht exakt bestimmt werden, ob ein entsprechendes Gelenk einen erhöhten Abrieb aufgewiesen hat und damit möglicherweise Haftungsansprüche gegenüber dem Hersteller gerechtfertigt sind.

 

September 2019

Dr. med. Roland Ballier,
Diplom-Ingenieur

Von der Industrie- und Handelskammer Hochrhein Bodensee in Konstanz

öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für nicht-aktive Medizinprodukte und deren Anwendung

 

Facharzt für Allgemein-, Notfall- und Arbeitsmedizin


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